Silvio Gesell und seine Fans in der Freitags-Community

Gastbeitrag von fidelche

Silvio Gesell (1862- 1930) versuchte in seinem Hauptwerk “Die natürliche Wirtschaftsordnung“  zum einen Marx zu widerlegen und zum anderen mit seiner  „Freiland- und Freigeldtheorie“  die Lösung der kapitalistischen Widersprüche aufzuzeigen. Die „soziale Frage“ ist laut Gesell keine Klassenfrage, das Problem ist das „arbeitslose Einkommen“ in Form von Zins und Grundrente. Gesell steht damit in der Tradition von Proudhons Zirkulationshysterie. Die ökonomisch absurde Theorie Gesells ist strukturell antisemitisch, läuft auf „Manchester-Kapitalismus“ und Sozialdarwinismus hinaus mit dem Ziel einer Art Rassenhygiene und Menschenzüchtung. Mit Einführung eines „Schwundgeldes“ wollte Gesell verhindern, dass Geld gehortet und Zins abgeschöpft wird. Das Geld verliert ständig an Wert und muss dadurch ausgegeben werden. Dadurch wird, laut Gesell, die Wirtschaft „angeheizt“. Gesell kritisiert ausschließlich den Geldkreislauf (raffendes Kapital), die Produktion, das „schaffende Kapital“ ist im Gegensatz dazu für ihn positiv besetzt. Wenig später war die antisemitische Unterscheidung von „gutem schaffendem“ und „bösem raffendem Kapital“ die Maxime der NSDAP, mit dem Holocaust als letzte Konsequenz.

Gesell, warb in seiner Freiland Theorie für Menschenzucht mit eugenischen Zielen: Im ersten Schritt wird das Privateigentum an Boden abgeschafft, um anschließend an den Meistbietenden verpachtet zu werden. Staaten, die sich der Freilandtheorie nicht anschließen werden, ziehen die „Arbeitsscheuen“ der ganzen Welt an. „Bummler, Sonnenbrüder und Zigeuner würden dorthin ziehen.“ Der Kranke und Schwache hat keinen Platz in Gesells sozialdarwinistischer Welt. Die „Fortpflanzung des Fehlerhaften“, gelte es durch „das große Zuchtwahlrecht, dieses wichtigste Sieb bei der Auslesetätigkeit der Natur“ zu bekämpfen. Zu diesem Zweck, soll die fruchtbare Frau den Zugriff auf Grundrente und Boden nach Zahl ihrer Kinder erhalten. „Die „Manchesterschule“, mit Ausnahme der Privilegien von Grund und Geldbesitzes, war auf dem richtigen Weg“. „Der freie Wettbewerb begünstige den Tüchtigen und seine Fortpflanzung ist die Folge“, meinte Gesell. Er stellte in dem Zusammenhang die Frage:“ Ist die Rückkehr der Frau zur Landwirtschaft nicht die glücklichste Lösung der Frauenfrage?“ Aber nicht jede Frau verkörpert das wahre Leben, die Naturgesetze und ist es Wert sich der Hochzucht der Rasse zu widmen. Das „Naturweib“ lässt bei der „Gattenwahl in geschlechtlichen Fragen ihre Wünsche und Triebe für die vererbungsfähigen Vorzüge den Ausschlag geben“. „Statt des wesenlosen politischen Wahlrechts, können sie dann das große Zuchtwahlrecht“ ausüben. „Soviel Krankhaftes auch der Auslesebetätigung der Natur durch die Fortpflanzung der Fehlerhaften zugeführt wird, sie wird es bewältigen. Die ärztliche Kunst kann dann die Hochzucht nur verlangsamen, nicht aufhalten.“ In seinem Buch „Der abgebaute Staat“, propagiert Gesell die Züchtung von „Kraft, Gesundheit, Geist, Schönheit“ als gesellschaftliches Ziel. Frauen haben sich dem unterzuordnen. Verhütung ist schlecht, weil es dann an „menschlichem Auslesematerial“ mangelt. Die übrigen Frauen lassen sich sterilisieren und wären lohnabhängig. Nach seiner sozialdarwinistischen Lehre stürben diese Frauen aus und nur die „Lebensbejahenden“ pflanzen sich weiter. Gesell verlangt den „Schutz der Rasse“ und die „Förderung der Hochzucht“. „Mißehen seien zu vermeiden, deren „Produkte nur die Kranken- und Zuchthäuser füllen.“ Dem „Rasseverfall“ stellt Gesell das „große, freie Zuchtwahlrecht“ entgegen.

Jutta Ditfurth schreibt in ihrem Buch, „Entspannt in die Barberei“: „So wird aus dem Kampf um politische Rechte der Frauen wieder einmal der – diesmal freiwirtschaftliche – Ruf nach der Scholle, Wiege und Rassenhygiene.“ Klar denkende Menschen, wie Peter Bierl, erkennen, dass Silvio Gesells Bodenreformpläne nichts mit „freier Liebe“ zu tun haben, denn Gesells ”Lösung der Frauenfrage” ist mit NS-Lebensborn und Mutterkreuz kompatibel!

„Durch Unklarheit und Unwissenheit  wurde Gesell“, laut Ernst Toller für sieben Tage Volksbeauftragter für Finanzen in der Münchner Räterepublik. Ernst Niekisch, später Faschist und Hitler Kritiker von rechts, ernannte Gesell zum Volksbeauftragten. Während andere hingerichtet wurden verteidigte sich Gesell selbst. Auszug aus Gesells Rede: „.. Dass diese Räteregierung mich als Finanzmann erwählte, war für mich ein Beweis, dass es sich nicht oder noch nicht um Bolschewismus oder Kommunismus handelte. Denn eine Teilung des Volkes in hohe, mittlere und niedre Schichten bedeutet völkischen Verfall. Völkisches Empfinden duldet keine Zinsknechtung anderer oder gar die Beteiligung daran. Wer noch etwas rassisches, völkisches Empfinden verspürt, der gehe in sich, tue Buße; der gestehe, dass er und seine Ahnen Verrat begingen am eigenen Volk, am eigenen Blut. Der wahrhaft völkisch gesinnte Mensch, der den Klassengeist hasst und ein schönes Volksleben sehen möchte – wie man vielleicht ahnen kann, aber noch nie erlebt hat (…) Sie kannten meine Ziele, die den Kapitalismus, die Zinsknechtschaft bekämpfen, aber eben so sehr den Kommunismus die Gemeinwirtschaft…“

Gesell kooperierte mit völkischen Antisemiten, wie beispielsweise Simons oder Fritsch. Einer der engsten Mitarbeiter Gesells war der Ernährungsreformer Gustav Simons. Simons war Mitglied des „Ordens des Neuen Tempels“ von Lanz von Liebenfels, der Antisemitismus, Arierwahn und Germanenmythen verknüpfte und die Hakenkreuzfahne führte. Fritsch war der Autor des Antisemiten-Katechismus „Handbuch der Judenfrage“. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Gesell in der Lebensgemeinschaft Oranienburg-Eden. Carl Russwurm, der Führer von Eden, verband die germanischen Grundlagen des Freiheitsbegriffs mit Silvio Gesells Freiland- und Freigeld-Theorien. In Eden wurden germanische Rituale, „heidnische“ Weihnachten und Sonnwendfeiern gefeiert. Von Eden gingen die Gründungen anderer völkischer Siedlungen aus, die den „geistigen Adel deutschen Bluts“ fördern sollten und „die Pflege germanischen Weistums“.

„Der Chiemgauer“ ist Schwundgeld, mit dem im Chiemgau (Oberbayern), seit einigen Jahren in bestimmten Läden die Ware bezahlt werden kann. Die regionalen Betriebe sollen mit dem Regionalgeld gefördert werden. Die Herausgeber (Waldorfschule Prien) des Chiemgauers beziehen sich explizit auf Silvio Gesells Freigeld-Theorie. Die Euros die der „Chiemgauer Verein“ bei dem Umtausch der „Chiemgauer“ erhält, werden laut Initiatoren bei der GLS Bank auf einem Tagesgeldkonto mit Zinsertrag angelegt. Tauschringe und Regionalgeld sind kein bisschen emanzipatorisch, im Gegenteil. Sie dienen als praktisches und propagandistisches Vehikel für Schwundgeld-Utopien und Zinsknechtschaft-Phantasien – ein strukturell  antisemitischer Ansatz. Wenn Gesell alle Übel der Welt auf Zins und böse Geldbesitzer projiziert und ihnen die schaffende Gemeinschaft der  Werktätigen und Unternehmer gegenüberstellt, trennt er, was untrennbar verflochten ist: Industrie- und  Finanzkapital. Ganz in dieser Tradition wurde in der NPD-Zeitung »Deutsche Stimme« im Frühjahr 2004 eine revolutionäre Neuordnung des Geldwesens propagiert. »Macht die Völker frei – brecht die Zins-Sklaverei« lautete die Parole. Der „aktuelle“ Gesellianer und Anarchist Klaus Schmitt spricht von einer Wirtschaftsordnung, die das „eigennützige Streben der Menschen nutzt und die tüchtigen Produzenten belohnt und nicht die unproduktiven Geldverleiher, Grundeigentümer und andere Parasiten bereichert“. Ganz offen vertritt Klaus Schmitt die Menschenzucht-Perspektive in seinem Buch, „Silvio Gesell – Marx der Anarchisten“: „Immerhin ist dieser Gedanke einer für die Gesunderhaltung des Erbguts und für die Evolution der menschlichen Art vorteilhaften und von den betroffenen Individuen selbstbestimmten Eugenik eine diskutable Alternative zu den auf uns zukommenden, von Staat und Kapital fremdbestimmten Genmanipulationen.“ Die aktive Gesellianerin, Margrit Kennedy hat Kontakt zur esoterischen Sekte Findhorn, sie tritt bei der sexistisch-autoritären Sekte ZEGG auf. Im Juli 1993 referierte sie im Rahmen der Vorlesungsreihe des Ökofaschisten Rudolf Bahro an der Berliner Humboldt Universität. Für die Mitarbeit an ihrem Buch bedankt sie sich artig bei dem Japanischen Gesellianer Yoshito Otani auf den sich Margrit Kennedy auch sonst gerne bezieht. Yoshito Otanis Buch „Untergang eines Mythos“ für das in der rechten Partei Zeitschrift der FSU „Der Dritte Weg“ oder von den Christen für eine Gerechte Wirtschaftsordnung (CGW) geworben wird, stellt die Vernichtung der Jüdinnen und Juden infrage, zweifelt an der Existenz der Gaskammern in Auschwitz und leugnet die Kriegsschuld der Deutschen. Selbst am Ersten Weltkrieg seien „jüdische Banken“ schuld. Otani bezeichnet die antisemitische Fälschung „Protokolle der Weisen von Zion“, die angebliche Weltherrschaftspläne der Juden beinhaltet, als wahr. (vgl. Volkmar Woelk, Natur und Mythos, Duisburg, 1992, S.22, Geden, a.a.O., S. 162ff)

Wenn im Jahre 2010 in der Freitags-Community, AnhängerInnen Silvio Gesells behaupten, dessen eugenische und sozialdarwinistische Positionen würden sich aus „jener Zeit“, erklären, als wären antisemitische, völkische, eugenische und sozialdarwinistische Haltungen damals emanzipatorisch  gewesen, ist dies eine menschverachtende, mit nichts zu entschuldigende Aussage. Silvio Gesell starb drei Jahre vor Hitlers Machtergreifung.  Aus eugenischen Gründen wurden während der NS-Zeit von 1933-1945 behinderte Menschen sterilisiert oder ermordet, Antisemitismus war der „Beweggrund“ für die „fabrikmäßige“ Ermordung der sechs Millionen europäischer Juden, völkischer Rassismus korrespondierte mit der  Vernichtungspolitik gegen die sogenannten “ Unterrassen“ oder „Untermenschen“  im „Osten“.

Über fidelche

Manfred Breitenberger | Mission Impossible: https://thinktankboy.wordpress.com/

Veröffentlicht am 12. Januar 2011 in Sozialdarwinismus und mit , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Die Freiwirtschaftslehre ist zweifellos ziemlich naiv und keine Lösung unserer Probleme. Schwundgeld garantiert für sich kein Abschmelzen der Zinsgewinne, denn schließlich können (theoretisch zumindest) die Geldbesitzer allemal höhere Zinsen verlangen als die Schwundrate.
    Ansonsten ließen sich die (nicht gänzlich zu Unrecht) von den Freiwirtschaftlern als „leistungslose Einkommen“ bezeichneten Zinseinnahmen bzw. ließe sich das gesparte Finanzkapital auch ohne das komplizierte Schwundgeldsystem elegant und unkompliziert durch einen dauerhaft negativen Realzins vermindern.

    Unklar ist mir allerdings, wieso Sie die Freigeldlehre „strukturell antisemitisch“ nennen. Das könnte nach meinem Verständnis nur dann zutreffen, wenn man sozusagen umgekehrt den Zins für ’strukturell semitisch‘ halten würde (‚Juden und Zinswucher‘).
    Das aber wollten Sie aber doch wohl nicht behaupten?

    Oder wollen Sie (und wollte Ottmar Issing in seinem Aufsatz „Der Zins und sein moralischer Schatten“ – http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/zinskreuz/issing.html ) schlicht und einfach die Kritiker der leistungslosen Einkommen diffamieren, indem sie diese ins Nazi-Lager werfen?

    Ich will gar nicht bestreiten, dass der Zins eine positive Funktion haben kann (Akkumulation von Realkapital).
    Nicht zu übersehen ist aber, dass sich in unserer Zeit das Finanzkapital verselbständigt hat und mittlerweile dermaßen aufgebläht ist, dass man damit die realwirtschaftlichen Erträge gleich mehrfach bezahlen könnte.
    Deshalb hilft das aus der Zeit der Realkapitalakkumulation (19. Jh. und vielleicht bis etwa Mitte 20. Jh. sowie heute noch in den weniger entwickelten Ländern) tradierte positive Zinsverständnis für eine Analyse der Probleme in den entwickelten Wirtschaften auch nicht mehr weiter.
    Wenn heutzutage das Finanzkapital das Realkapital völlig überwuchert (d. h. wenn den auf dem Papier verbrieften Forderungen – „Geld“ – schon gar keine entsprechenden Sachwerte mehr gegenüber stehen), ist in dieser Zeit und in den entwickelten Volkswirtschaften ganz fundamental etwas faul mit der Kapitalverzinsung.

    • @Cangrande
      Ich habe den obigen Text hier nur als Gastbeitrag geschrieben. Diesem Text gingen zwei Blogs von mir voraus:„Proudhon, Gesell, Feder, Marx und die regressive Kapitalismuskritik“ und „Silvio Gesell, Rudolf Steiner und die „braune Soße“„. Mit diesen beiden Blogs sorgte ich in der sogenannten „FreitagsCommunity“ im letzten Jahr für Aufruhr. In dieser Community gibt es Leute die die sozialdarwinistsiche Menschenzucht von Gesell emanzipatorisch empfinden. Nachzulesen sind die rund 300 Kommentare auf meinem Blog. In diesen beiden Texten versuche ich den Zusammenhang von Gesells Schwundgeld und dem 25 Punkteprogramm der NSDAP herzustellen.

      Gegen eine Regulierung der Finanzmärkte habe ich grundsätzlich nichts einzuwenden, wenn gleichzeitig auch das Produktionskapital in seine Schranken gewiesen wird. Durch die Verflechtung sind beide ohnehin nicht zu trennen. Gegen die Parole gutes Produktionskapital -böses Finanzkapital habe ich aus historischen Gründen etwas einzuwenden. Aber das habe ich alles in erwähnten Blogs beschrieben.

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