Archiv für den Monat Februar 2013

Galilei und das Fernrohr

Eine Groteske frei nach Bertolt Brecht

Alfred Hugenberg (1865-1951) war ein deutscher Medienunternehmer in der Weimarer Republik. Er gilt als bedeutendster bürgerlicher Wegbereiter des Nationalsozialismus. Mit seinem Medienkonzern, der die Hälfte der deutschen Presse kontrollierte, trug er mit antisemitischer Propaganda maßgeblich zum Aufstieg der rechten Parteien in der Weimarer Republik bei. (Wikipedia)

galileoIn dem Jahr zweitausenddreizehn schien das Licht des Wissens hell, zu Berlin erkannte Galileo Galilei die antijüdische Agitation kommt nicht von der Stell. So verwunderte es kaum, dass in den Blättern der herrschenden Medienmacher vom Judenstaat als  „der größten Gefahr für den Weltfrieden“, von „zionistischen Schlächtern“, vom „Apartheidstaat Israel“ oder vom „jüdischen Gängelband“ zu lesen war. Zu den übelsten und einflussreichsten antijüdischen Hetzschriften gehörten die Artikel von Fernrohr-Online. Galileo empörte sich über derlei Ressentiment und erinnerte an dunkle Zeiten. Die Mehrheit der Deutschen freilich  ignorierte oder belächelte seine Kritik. Erst als sich aus dem Ausland Stimmen regten, gar amerikanische Negativlisten über deutsche Journalisten  kursierten, war die Empörung der sich solidarisierenden Journalisten groß. Die „kritischen“ Lohnschreiber der herrschenden Medienwelt drohten Galilei mit Kerker, falls er seine Anschuldigungen nicht unverzüglich widerrufe. In Wannsee wurde ein Treffen anberaumt um die Angelegenheit schnell zu bereinigen. Galilei, seine Hoheit, der Hofmarschall und einige Professoren der führenden Medienunternehmen traten ein, während die peinliche Rede von der braunen Pest nicht abreißen wollte. Die Herren im Hinaufgehen: „Nein, nein, es ist alles in schönster Ordnung.  Die medizinische Fakultät erklärt es für ausgeschlossen, dass es sich bei den Erkrankungen in der Altstadt um Pestfälle handeln könnte. Die Miasmen müssten bei der jetzt herrschenden Temperatur erfrieren. Das schlimmste in solchen Fällen ist immer Panik. Nichts als die in dieser Jahreszeit üblichen Erkältungswellen. Jeder Verdacht ist ausgeschlossen. Alles in schönster Ordnung.“

GALILEI: Eure Hoheit, ich bin glücklich, in Eurer Gegenwart die Herren Eurer Universität mit meinen Forschungen bekannt machen zu dürfen.

GALILEI mit dem Fernrohr: Wie Eure Hoheit zweifellos wissen, stellen wir Medienforscher seit Jahrzehnten bestürzende Tendenzen fest.

DER PHILOSOPH: Ich fürchte, das alles ist nicht ganz so einfach. Herr Galilei, bevor wir das berühmte Fernrohr examinieren, möchten wir um das Vergnügen eines Disputs bitten. Thema: Kann Antisemitismus in Deutschland überhaupt existieren?

DER MATHEMATIKER: Eines formalen Disputs.

GALILEI: Ich dachte mir, Sie lesen einfach die Artikel im Fernrohr und überzeugen sich?

DER MATHEMATIKER: Gewiss, gewiss. Es ist Ihnen natürlich bekannt, dass es nach der Ansicht der alten Lehre keinen Antisemitismus nach 1945 geben kann.

GALILEI: Ja.

DER PHILOSOPH: Und, ganz absehend von der Möglichkeit von Antisemitismus, möchte ich in aller Bescheidenheit als Philosoph die Frage aufwerfen: sind solche Fragen nötig?

DER PHILOSOPH: Das Weltbild des unvergesslichen Pierre-Joseph Proudhon mit seinem mystischen Antifinanzkapitalismus ist ein Gebäude von solcher Ordnung und Schönheit, dass wir wohl zögern sollten, diese Harmonie von Nestbeschmutzern zerstören zu lassen.

GALILEI: Wie, wenn Eure Hoheit den sowohl unmöglichen als auch unnötigen Antisemitismus nun in diesem Fernrohr wahrnehmen würden?

DER MATHEMATIKER: Man könnte versucht sein zu antworten, dass Ihr Display, dass uns die Texte des Fernrohrs zeigen soll, etwas zeigend, was nicht sein kann, ein nicht sehr verlässliches Display sein müsste, nicht?

GALILEI: Was meinen Sie damit?

DER MATHEMATIKER: Es wäre doch viel förderlicher, Herr Galilei, wenn Sie uns die Gründe nennten, die Sie zu der Annahme bewegen, dass es in der höchsten Sphäre unseres Landes Antisemitismus geben könnte.

DER PHILOSOPH: Gründe, Herr Galilei, Gründe!

GALILEI: Die Gründe? Wenn ein Blick auf die Aussagen selber und meine Notierungen das Phänomen zeigen? Mein Herr, der Disput wird abgeschmackt.

DER MATHEMATIKER: Wenn man sicher wäre, dass Sie sich nicht noch mehr erregten, könnte man sagen, dass, was im Fernrohr steht von ihren gefälscht wurde.

DER PHILOSOPH: Das ist nicht höflicher auszudrücken. Als ob wir wegen der grotesken Listenhetze aus dem amerikanischen Ausland nicht genügend Probleme hätten.

DER HOFMARSCHALL: Eure Hoheit, meine Herren, darf ich daran erinnern, dass der Staatsball in dreiviertel Stunden beginnt?

DER MATHEMATIKER: Warum einen Eiertanz aufführen? Früher oder später wird Herr Galilei sich doch noch mit den Tatsachen befreunden müssen. Antisemitismus in Deutschland ist ein Ding der Unmöglichkeit. Diese Antisemitismuskeule widert mich an.

DER PHILOSOPH: Eure Hoheit, mein verehrter Kollege und ich stützen uns desweiteren auf die Autorität keines Geringeren als des göttlichen Ali Chamenei selber.

GALILEI fast unterwürfig: Meine Herren, der Glaube an die Autorität des Ali Chamenei ist eine Sache, Fakten, die mit Händen zu greifen sind, eine andere.

DER MATHEMATIKER: Lieber Galilei, ich pflege mitunter, so altmodisch es Ihnen erscheinen mag, den unvergesslichen Johann Gottlieb Fichte zu lesen und kann Sie dessen versichern, dass ich da meinen Augen traue.

GALILEI: Ich bin es gewohnt, die Herren aller Fakultäten sämtlichen Fakten gegenüber die Augen schließen zu sehen und so zu tun, als sei nichts geschehen. Ich zeige meine Notierungen, und man lächelt, ich verweise auf die Aussagen im Fernrohr, dass man sich überzeugen kann, und man zitiert Johann Gottlieb Fichte. Der Mann kannte das Fernrohr nicht!

DER MATHEMATIKER: Allerdings nicht, allerdings nicht.

DER PHILOSOPH groß: Wenn hier Johann Gottlieb Fichte in den Kot gezogen werden soll, eine Autorität, welche nicht nur die gesamte Wissenschaft, sondern auch die hohen Medienväter selber anerkannten, so scheint jedenfalls mir eine Fortsetzung der Diskussion überflüssig. Unsachliche Diskussion lehne ich ab. Basta. Ich fordere den Herrn Galilei auf unverzüglich seine grotesken Anschuldigungen zu widerrufen oder mit unserem Kerker Bekanntschaft zu machen.

Eingeschüchtert gibt Galilei auf und entschuldigt sich für den Nazivergleich mit einem kritischen Journalisten und dessen scheinbar verpassten Karrieremöglichkeiten im Reichssicherheitshauptamt.

DER HOFMARSCHALL erleichtert: Ihre Hoheit wird nicht versäumen, über Ihre Behauptungen die Meinung unseres größten lebenden Antisemitismusforscher einzuholen, des Herrn Pater Richard Williamson, Judenexperte am Päpstlichen Collegium in Rom.

Nach dem Treffen von Wannsee begab sich Galilei als gebrochener Mann in sein Landhaus wo er den Rest seines Lebens, dabei die braune Pest überlebend, zurückgezogen verbrachte. Nach vielen Jahren besuchte der ehemalige Schüler Andrea den sichtlich gealterten, fast erblindeten Galilei.

GALILEI: In meinen freien Stunden, deren ich viele habe, bin ich meinen Fall durchgegangen und habe darüber nachgedacht. Der Großteil der Bevölkerung wird von ihren Medienfürsten, und Geistlichen in einem perlmutternen Dunst von Aberglauben und alten Wörtern gehalten, welcher die Machinationen dieser Leute verdeckt. Das Elend der Vielen ist alt wie das Gebirge und wird von Kanzel und Katheder herab für unzerstörbar erklärt wie das Gebirge.  Diese selbstischen Medienmänner, die sich ihre Monopolstellung gierig zunutze gemacht haben, fühlten zugleich das kalte Auge der Wissenschaft auf ein tausendjähriges, aber künstliches Elend gerichtet, das deutlich beseitigt werden konnte, indem sie beseitigt wurden. Sie überschütteten uns mit Drohungen und Bestechungen, unwiderstehlich für schwache Seelen und abhängige Lohnschreiber. Eine Menschheit, stolpernd in diesem tausendjährigen Perlmutterdunst von Aberglauben, ewigen Vorurteilen und Sündenböcke suchend, zu unwissend, ihre eigenen Kräfte voll zu entfalten, wird nicht fähig sein, die Gefahren des Antisemitismus  zu sehen. Wenn Autoren, eingeschüchtert durch selbstsüchtige Medienmachthaber, sich damit begnügen, Medienmacht für alte Vorurteile zu nutzen, kann die Medienvielfalt  zur Medieneinfalt, zum Krüppel gemacht werden, und eure Online-Medien mögen nur neue Drangsale bedeuten. Ihr mögt mit der Zeit alles verharmlosen, was es an Antisemitismus zu verharmlosen gibt, und eure hemmungslose Obsession gegen Juden wird ein weiteres Fortschreiten von der Menschheit weg sein. Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages so groß werden, dass euer Jubelschrei über die iranische Atombombe von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte.

Ich habe meinen Beruf verraten. Ein Mensch, der das tut, was ich getan habe, kann in den Reihen der Aufklärung nicht geduldet werden.

VIRGINIA (seine Tochter): Du bist aufgenommen in den Reihen der Gläubigen.

GALILEI: Richtig. — Ich muss jetzt essen.