Hugo Chávez und die “Bolivarische Revolution”

Lateinamerika war bis zur Jahrtausendwende der Hinterhof der USA. So gut wie alle Militärdiktaturen von Chile bis Paraguay oder Konterrevolutionen von Kuba bis Nicaragua wurden von den USA unterstützt oder initiiert. Der Terror der Todesschwadronen in El Salvador, die Machenschaften der United Fruit Company, die Invasion in der Schweinebucht oder der Sturz Allendes hatten das Ziel die Interessen der USA und der jeweiligen Machteliten gegen jede soziale Gerechtigkeit durchzusetzen. Die Großgrundbesitzer in den Ländern Lateinamerikas verhinderten jede wirtschaftliche und soziale Entwicklung, und die Staatsausgaben wurden vor allen Dingen für die Unterdrückung der eigenen Bevölkerung verwandt. Einzig Kuba gelang es unter der Führung Fidel Castros mit seiner Revolution 1959 sich aus der Umarmung der USA zu lösen und einen anderen sozialeren Weg einzuschlagen. Mit dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus um die Jahrtausendwende geriet Lateinamerika in den Hintergrund der US-Interessen, sodass sich viele der Militärdiktaturen nicht mehr halten konnten bzw. die konservativen Pseudodemokratien von linken Präsidenten demokratisch abgelöst wurden.

Als Hugo Chávez 1998 in Venezuela an die Macht kam versprach er die Oligarchie zu entmachten und die Armut des Landes zu bekämpfen. Chávez berief sich auf sein Vorbild Simón Bolívar, forderte ein vereintes Südamerika, wobei er in seine „Bolivarischen Revolution“ einige marxistische und nationalistische Ideen integrierte. Chávez, der sich einerseits als Marxist bezeichnete, andererseits sich öffentlich zum María-Lionza-Kult bekannte, einen Heiligungskult der sich mit dem Katholizismus, Schamanismus und Voodoo vermischte, regierte fünfzehn Jahre in Venezuela.

In seiner Amtszeit hat Hugo Chávez durchaus Erfolge vorzuweisen. Durch den staatlichen Zugriff auf den Ölreichtum gelang eine gewisse Umverteilung, sodass die Armutsbekämpfung vorangetrieben werden konnte. Chávez  hat die Ölpreisexplosion dafür genutzt, einen kleinen Teil des Ölreichtums gegen Intelligenz und Pflege zu tauschen. 20.000 Lehrer, Ärzte und Pfleger aus Kuba helfen in Venezuela bei der Alphabetisierung und Krankenversorgung.

Sein Ziel die Wirtschaft von der Ölabhängigkeit zu befreien ist jedoch offensichtlich gescheitert, denn eine jährliche Inflationsrate von 30 Prozent ist seit vielen Jahren traurige und armutsfördernde Realität in Venezuela. Die extreme Gewaltkriminalität, die höchste in Lateinamerika, ist eine weitere Geisel für die Menschen Venezuelas. Zwanzig Prozent aller Verbrechen werden von Polizisten begangen, jeden Monat werden in Venezuela 70 bis 80 Menschen von Sicherheitskräften umgebracht.

„Der wichtigste Pfeiler der chávistischen Ideologie ist der Antisemitismus“, so Stefan Frank in Konkret 1/2010. Gibt man bei der führenden pro-chávistischen Internetseite aporrea.org das Suchwort Jude ein, stellt man fest, dass das Magazin nichts anderes ist als „Der Stürmer“ im neuen Gewand, und der „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ in Wahrheit der Nationalsozialismus des 21. Jahrhunderts. Die Juden würden die Welt beherrschen und hätten das „Holocaust-Märchen“ erfunden, um die Menschheit noch effektiver zu unterdrücken, so die immer wiederkehrende Behauptung. Der Judenhass in Venezuela verharrt nicht nur bei Worten. 2009 wurde in Caracas die Synagoge überfallen und verwüstet, zuvor hatten Chávisten regelmäßig Hakenkreuze, antijüdische und propalästinensische Parolen an die Mauern gesprüht.

In seiner Weihnachtsansprache von 2005 sagte Chávez:  „Die Welt hat genug für alle, aber es stellt sich heraus, dass einige Minderheiten, die Nachkommen derer, die Christus kreuzigten, die Nachkommen derer, die Bolívar von hier verjagten und ihn auf andere Art in Santa Marta kreuzigten, dort in Kolumbien. Eine Minderheit hat sich der Reichtümer der Welt bemächtigt. Eine Minderheit hat sich des Goldes, des Silbers, der Mineralien, des Wassers, der guten Landstücke, des Öls, der Reichtümer bemächtigt und sie haben alle Reichtümer in den Händen weniger vereint: weniger als 10 % der Weltbevölkerung besitzt mehr als die Hälfte des Reichtums der Erde…“

Chávez, der dem peronistischen Politikwissenschaftler, Antisemiten und Holocaustleugner Norberto Ceresole eng verbunden war, verwies 2009 den israelischen Botschafter des Landes wegen der israelischen Operation Gegossenes Blei. Die Operation bezeichnete Chávez als „Holocaust am palästinensischen Volk“.  Mit seiner Unterstützung für Diktatoren wie Irans Mahmud Ahmadinedschad oder Terroristen wie Ilich Ramírez Sánchez zeigte der venezolanische Präsident was man sich unter dem  „Sozialismus der dummen Kerle“ vorzustellen hat.

Das Ende der Militärdiktaturen in Lateinamerika war also nicht gleichzeitig der Anbruch eines Zeitalters der Vernunft. Chávez, der Prototyp des linken Antisemiten und seine Regierungszeit sind Beleg dafür. Hugo Chávez ist in dieser Woche gestorben. Sein Tod stürzt in dem tief gespaltenen südamerikanischen Land seine Anhänger in Verzweiflung. Ob sein Nachfolger aus den „Fehleinschätzungen“ seines Vorgängers die Lehren ziehen wird, muss bezweifelt werden.

Übrigens: Das Simon-Wiesenthal-Zentrum verurteilte die Äußerungen von Chávez während seiner Weihnachtsansprache als antisemitisch und forderte von ihm eine Entschuldigung. Chávez entgegnete darauf, er sei antiliberal und antiimperialistisch, aber niemals antisemitisch.

Über thinktankboy

„Die Allianz des antisemitischen Spießer-Stammtisches mit den Barrikaden ist wider die Natur, Sünde wider den Geist, um in der vom Thema erzwungenen Terminologie zu bleiben. Leute wie der polnische General Moczar können sich die Umfälschung des kruden Antisemitismus zum aktuellen Anti-Israelismus gestatten: Die Linke muss redlicher sein. Es gibt keinen ehrbaren Antisemitismus.“ (Jean Améry Der ehrbare Antisemitismus 1969) Wenn ein Land ein Existenzrecht hat, dann der Staat Israel, davon bin ich überzeugt. Eine Linke, die sich ernst nimmt, muß Israel verteidigen.

Veröffentlicht am 12. März 2013 in Politik und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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