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Von Auschwitz über Entebbe nach Stammheim

„[..] Wenn inzwischen die Unmöglichkeit und damit Unrichtigkeit des bewaffneten Kampfes in Westeuropa praktisch ermittelt und zweifelsfrei erwiesen wurde, so haben zum Triumph darüber und zu besserwisserischen, gönnerhaften Belehrungen diejenigen am wenigsten Grund, die ihrerseits vielfach gescheitert sind, nur jedes Mal auf viel kläglichere Weise. Der Fehler der RAF war weder die Anwendung von Gewalt noch waren es Kriminaldelikte, sondern ihr Fehler war die Niederlage im antiimperialistischen Kampf. Der RAF diesen Fehler zu verzeihen und die Mitglieder dieser Gruppe zu amnestieren, haben die Grünen, die Friedensbewegten, der akademische Mittelstand, die Pfaffen, die Linken und der Rest allen Grund, in Erwartung des Strafgerichts nämlich, welches ihnen vorwerfen könnte, weder Atomkraftwerke noch Nachrüstung verhindert zu haben“ Aus einer Rede des Polemikers Wolfgang Pohrt auf einer von den Grünen organisierten Amnestieveranstaltung 1986 in Köln.

Mit ihren Konkret Kolumnen und ihren Hörfunkfeatures im Hessischen Rundfunk, wurde die Journalistin Ulrike Meinhof (7.10.1934 – 9.5.1976) bekannt. Sie setzte sich gegen soziale Ungerechtigkeiten ein und protestierte gegen den Vietnamkrieg. Sie verzweifelte daran, weil Sie mit ihrer journalistischen Arbeit  kaum etwas verändern konnte. Mit der ihr eigenen Radikalität schloss sie sich nach der Befreiung von Andreas Baader  der RAF an und wähnte sich in dem Irrglauben mit Sprengstoffanschlägen mehr zu erreichen, wobei die von ihr verfassten Kommandoerklärungen  von blindem Antiamerikanismus und Antisemitismus nur so sprühten.

Es war die Zeit des Vietnamkrieges, der Terroristenhatz (6 gegen 60 Millionen), Hungerstreiks, Isolationshaft und Rasterfahndung. Der Rechtsstaat war außer Kraft gesetzt, meinte der spätere „Law and Order“  Innenminister Otto Schily. Es war die Zeit des Göttinger Mescalero, der nach der Ermordung von Siegfried Buback schrieb:“..Ich konnte und wollte (und will) eine klammheimliche Freude nicht verhehlen. … Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), […] dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.

Herbert Marcuse schrieb  in seiner »Kritik der repressiven Toleranz«: »Gesetz und Ordnung sind überall und immer Gesetz und Ordnung derjenigen, welche die etablierte Hierarchie schützen; es ist unsinnig, an die absolute Autorität dieses Gesetzes und dieser Ordnung denen gegenüber zu appellieren, die unter ihr Leiden und gegen sie kämpfen – nicht für persönlichen Vorteil und aus persönlicher Rache, sondern weil sie Menschen sein wollen. ( .. ) Wenn sie Gewalt anwenden, beginnen sie keine neue Kette von Gewalttaten, sondern zerbrechen die etablierte. «

Ulrike Meinhof schrieb noch 1967 in ihrer Konkret Kolumne: „Es gibt für die europäische Linke keinen Grund, ihre Solidarität mit den Verfolgten aufzugeben, sie reicht in die Gegenwart hinein und schließt den Staat Israel mit ein.“ Nach Jahren im Untergrund, in palästinensichen Ausbildungslagern mit Hitlerbildern, ihrer Gefangennahme und Isolation in ihrer Zelle schrieb Ulrike Meinhof nach den Anschlägen von München 1972 einen extrem antisemitischen Text über den „antiimperialistischen Kampf“ der RAF und die Aktion des Schwarzen September in München:

Die Aktion des Schwarzen September war antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch.[..] Sie hat einen Mut und eine Kraft dokumentiert, die immer nur das Volk hat [..] …gegen dem seinen Wesen und seiner Tendenz nach durch und durch faschistischen Imperialismus – in welcher Charaktermaske auch immer er sich selbst am besten repräsentiert findet:  Nixon, Brandt, Moshe Dayan oder Genscher, Golda Meir oder Mc Gouvern. [..] Die Deutsche Polizei hat die Revolutionäre und die Geiseln massakriert. [..]  Israel vergießt Krokodilstränen. Es hat seine Sportler verheizt wie die Nazis die Juden. Der Tod der arabischen Genossen wiegt schwerer als der Tai-Berg

Die Israel-Solidarität von Ulrike Meinhof und der Linken währte also nur kurze Zeit, der offenbar lange Zeit schlummernde linke Antisemitismus (bis hin zum eliminatorischen Antisemitismus) trat nach dem 6-Tage-Krieg offen zu Tage. RAF-Gefangene stellten sich selbst als Opfer, einer dem Terror des NS-Regimes gleichgesetzten Vernichtungspolitik, dar. Dies korrespondierte mit der Israelfeindlichen Haltung der RAF, die nach dem Überfall auf die israelische Olympiamannschaft 1972 in München die israelische Politik als neuen Nazismus diffamierte. Die Verbindungen zwischen RAF und den Revolutionären Zellen mit palästinensischen, terroristischen Organisationen, vor allem der PFLP entwickelten sich zu einer gewissen Abhängigkeit der RAF. Der große Wendepunkt oder auch Kulminationspunkt dieser Entwicklung war die Flugzeugentführung 1976 nach Entebbe. 1976 wurde der Flug 139 der Air France von Tel Aviv über Athen nach Paris nach dem Start in Athen von zwei Deutschen und zwei palästinensischen „Revolutionären“ entführt.  Die Passagiere wurden in der Transithalle des Terminals von Entebbe als Geiseln gehalten. Die Terroristen selektierten, organisiert vom Deutschen Wilfried Böse, die jüdischen Passagiere (80 Israelis sowie rund 20 französische Juden) von den nichtjüdischen und ließen die nichtjüdischen Geiseln frei. Die IDF befreite die Geiseln durch eine äußerst gewagte militärische Meisterleistung. Für Israel war die Befreiung der Geiseln von Entebbe die Neudefinition des Staates Israel. Yoni Netanyahu, der militärische Einsatzeiter in Entebbe war der Bruder des jetzigen Ministerpräsidenten Israels. Er kam ums Leben bei der Befreiungsaktion. Für den Organisator der israelischen Rettungsaktion, Moshe „Muki“ Betser, gibt es einen ganz konkreten Zusammenhang zwischen der Erfahrung der Ohnmacht in den deutschen Vernichtungslagern und der Erfahrung einer schlagkräftigen jüdischen Armee, die niemanden schutzlos zurücklässt, ganz egal, wo er sich befinden mag: „Ich sehe in Entebbe das Wesen des Zionismus. Hätten wir vor dem Zweiten Weltkrieg einen Staat und eine Armee gehabt, hätte es die Schoah so nicht gegeben.“

Erst 1991 verschickten die Revolutionären Zellen zumindest eine halbherzige Erklärung, in der sie die Ermordung eines RZ-Mitglieds durch eine palästinensische Gruppe zum Anlass einer selbstkritischen Reflexion der Geschichte nicht nur ihrer eigenen antiimperialistischen Praxis genommen haben. Unter der Überschrift »Gerd Albartus ist tot« setzen sie sich vor allem mit der Entführung des Flugzeuges 1976 nach Entebbe und  dem darin zum Ausdruck gekommenen Antisemitismus deutscher Linker und der nationalrevolutionären Borniertheit antiimperialistischer Gruppen in der BRD auseinander.

Wolfgang Pohrt schrieb nach seinem umstrittenen Statement von 1986 in den 90er Jahren bezüglich des um sich greifenden deutschen, linken Antisemitismus: „…Israel mit Lob und Tadel als Bewährungshelfer moralisch beizustehen, damit das Opfer nicht rückfällig werde“. Was hätte wohl Ulrike Meinhof, wenn sie Stammheim überlebt hätte, zu ihrem eigenen Antisemitismus, zum aktuellen linken Antisemitismus und zu diesem Arte-Film gesagt?